

Nach DOGEN ZENJI ist der Übungsweg eines Zenschüler’s eine spiralförmige Entwicklung in vier Phasen. ‚Die erste ist die Erweckung des Bodhi-Geistes; es wird der Wunsch nach Erleuchtung geweckt. Mit anderen Worten, wir geloben uns und anderen, den Weg zu vollenden, Erkenntnis dessen zu erlangen, was wir sind, zusammen mit allen fühlenden Wesen. Die zweite Phase ist Schulung. Wir setzen all unsere Kraft ein, um das zu verwirklichen, was wir gelobt haben, erfüllen unsere Gelübde mit Leben, indem wir nach der Vollendung des nicht zu Vollendenden streben. Die dritte Phase ist Erkenntnis; mit Hilfe der Kraft unserer Gelübde und unserer Entschlossenheit, den Weg zu vollenden, führt diese beharrlich fortschreitende Schulung schließlich zur Erkenntnis, Einsicht und Verstehen. Die vierte Phase ist Nirvana; wir machen uns frei von dem, was wir erkannt haben, erneuern unser Gelübde, den Weg wiederum zu vollenden, zu üben, zu erkennen und loszulassen. Diese spiralförmige Entwicklung kennt kein Ende; stetig nimmt sie an Tiefe und Weite zu, sie umfasst alle Dinge.’ (Tetsugen Glassman)
Jeder Tag bietet uns in jedem Augenblick einen neuen Anfang für unsere Übungen. Die klassische Form der Übung für einen Zenschüler ist, die eigentliche Praxis des Buddha Shakyamuni, nämlich das Sitzen.
Im Zen nennen wir das ZAZEN – das bedeutet wörtlich‚ sitzen in Versunkenheit.‘ Nach DOGEN ZENJI ist Sitzen das Verweilen in einem Zustand gedankenfreier, hellwacher Aufmerksamkeit, die auf kein Objekt gerichtet ist und an keinem Inhalt haftet. DOGEN lehrte uns: ,ZEN zu studieren bedeutet, sich selbst zu studieren, sich selbst studieren bedeutet, sich selbst vergessen. Sich selbst vergessen bedeutet, in Harmonie zu sein mit allem, was uns umgibt. Zen ist weder eine Theorie, eine Idee, noch ein intellektuelles Wissen, sondern eine Praxis: nämlich die des ‚richtigen Sitzens‘. Die innere Revolution wird von der Praxis des ZAZEN erzeugt. Tiefe Weisheit entwickelt sich, deren Essenz wir nicht allein mit dem logischen Denken erreichen können, wie uns Buddha lehrte.
Nimm also über deine Unterschenkel Kontakt zum Boden auf - deine Füße sind angewinkelt, fühle so deine Sitzbeinhöcker – prüfe, ob dein Gewicht auf beiden Höckern gleichmäßig verteilt ist – spüre, ob deine Wurzel in die Einheit deines Körpers hineingenommen ist. Dein Becken ist leicht nach vorne gekippt, Körper und Kopf sind aufgerichtet und soweit als möglich entspannt. Das Kinn wird zurückgezogen, der Nacken gestreckt, die Schultern sind ganz natürlich entspannt.
Deine Augen sind halb geschlossen, der Blick ist ein Meter vor dir auf den Boden gesenkt. Die Zungenspitze legst du unter deinen Gaumen. Dein Gesicht lächelt. Die linke Hand liegt in der rechten mit den Handflächen nach oben. Die Daumen sind waagrecht, berühren sich sanft, und die beiden auf den Oberschenkeln aufliegenden Hände berühren deinen Unterbauch etwa zwei Fingerbreit unterhalb deines Nabels.
Jedes Detail der Haltung hat eine tiefe Bedeutung. Denn alle Teile des Körpers hängen wechselseitig voneinander ab und beeinflussen sich gegenseitig. Die Haltung ist von einer großen Stabilität. Bei nachlassender Haltung richtet euch ganz zart wieder auf. Während der ganzen Übung bleibe in der Beobachtung deines Körpers.
Lass deinen Atem geschehen. Schaue zu, wie er kommt und geht. Manipuliere nicht. Es reicht hinzuschauen, wie der Atem durch deinen Körper fließt. Spüre wie sich dein Bauchraum, deine Bauchdecke und dein Brustraum - verändern. Wenn ihr euch der Ausatmung hingebt und euch von der Einatmung anfüllen lasst, in einem harmonischen Kommen und Gehen, dann bleibt von euch nicht mehr als ein Kissen unter dem leeren Himmel, mit dem Gewicht einer züngelnden Flamme. .
Genauso wie die richtige Atmung nur aus einer richtigen Haltung entstehen kann, ergibt sich die Geisteshaltung ganz natürlich aus einer tiefen Konzentration auf Haltung und Atmung. Sitze in Freiheit ohne ein Gefühl von Zwang. Sei geistig präsent, d.h. achte darauf, dass du nicht ins Träumen oder Dösen verfällst. Habe nicht den Ehrgeiz deinen Geist zur Ruhe zu bringen, bzw. keine Gedanken zu haben. Sitze, um zu sitzen. Es ist wichtig, alles anzunehmen was kommt: Gedanken, Gefühle gleich welcher Art. Annehmen, betrachten und heimfinden zur Übung, z.B. zählen des Atems, beobachten des Atems, Arbeit mit einem Koan usw. Stelle dir ein Boot vor, das an einem Fluss mit der Strömung antreibt. Das ist dein Gedanke. Du musst dich nicht in das Boot hinein setzen. Vielleicht gibst du ihm einen Namen: Ärger, Enttäuschung oder Vergangenheit, Zukunft usw. Schau ihm nach und kehre zurück zu deiner Übung.
Laß immer wieder Vertrauen zu deinem Weg in dir entstehen und sei gewiss, dass dein Üben etwas bewirkt in dir und für den ganzen Kosmos. ZAZEN beeinflusst das ganze Wesen, Körper und Geist. Durch eine regelmäßige Praxis vertieft sich das Verständnis für unser eigenes Leben. Dieses Verständnis spiegelt sich dann in jeder unserer täglichen Handlungen wider. Wenn in jeder Handlung unseres Lebens der Geist derselbe ist, sind die Handlungen auf natürliche Weise richtig.
Wie im ZAZEN können wir vollkommen gegenwärtig im Augenblick sein, in der Fülle des Hier und Jetzt. Unser Geist ist friedlich, ohne Komplikationen, ohne Berechnung, ohne Angst. Der Egoismus nimmt ab, und wir folgen natürlicher dem Fluss des kosmischen Lebens. So werden unsere Beziehungen zu den anderen Menschen einfacher und durchsichtiger. Das Mitgefühl zeigt sich in deinen alltäglichen Handlungen, die Weisheit des Boddhisattvas Manjushri erscheint in deinem Leben. Dann können wir von ganz alleine zum Wesentlichen und zum einfachen Leben finden. ZAZEN ist die erwachsene Form unseres Lebens. Es ist das wahre Glück, die echte Freiheit. Wenn jemand fragt, was das wahre Zen ist, braucht ihr nicht euren Mund öffnen, um es zu erklären. Stellt alle Aspekte eurer Zazenhaltung dar. Dann wird der Fühlingswind wehen und die wunderbare Blüte des Kirschbaumes aufgehen lassen... & Ihr werdet Buddha!
(Sankon Zazen Setsu von Keizan Jokin)
Die Person, die gewöhnliches Zazen ausübt, erwägt die zehntausend Bindungen und durchbricht günstige und ungünstige Bedingungen. Der Geist ist Ausdruck der grundlegenden Natur aller Buddhas; Buddha steht an dem Ort, wo ihre Füße sind und so entsteht kein falsches Handeln. Die Hände formen das Wirklichkeits-Mudra, sie halten kein Sutra. Der Mund ist fest geschlossen, die Lippen versiegelt. Nicht ein Wort der Lehre wird gepredigt. Die Augen sind geöffnet, weder weit noch wenig. Die zehntausend Dinge werden nicht geschieden; gute und schlechte Worte bleiben ungehört. Die Nase unterscheidet nicht Geruch von Gestank. Der Körper stützt sich auf nichts. Abrupt endet alles täuschende Tun. Da keine Täuschung den Geist aufrührt, erscheinen weder Sorge noch Freude. Wie bei einem aus Holz geschnitzten Buddha harmonieren Substanz und Form natürlich mit dem Wahren. Auch wenn weltliche Gedanken aufsteigen, ergreifen sie nicht Besitz, denn der Geist ist ein blanker Spiegel ohne die Spur eines Schattens. Die fünf Gelöbnisse, die acht Gelöbnisse, die Bodhisattva- Gelöbnisse, die Gelübde der Mönche, die dreitausend Verhaltensregeln, die achzigtausend Lehren, der höchste Dharma der Buddhas und erwachten Patriarchen – all diese entstehen ungehindert aus dem Zazen. Keine Übung kann sich mit ihm messen.
Die Person, die das Zazen der mittleren Art ausübt, entsagt den zehntausend Dingen und kappt alle Bindungen. Der Tag hat keinen müßigen Moment, jedes Ein- und Ausatmen ist Ausüben des Dharma; oder aber sie schaut auf die eigene Nasenspitze, in Konzentration auf ein Koan. Ihr ursprüngliches Gesicht ist nicht gezeichnet von Leben und Tod, von Kommen und Gehen. Der unterscheidende Geist kann nicht die tiefste ewige Wahrheit, die Buddhanatur, erfassen, doch ohne trennendes Denken ist diese Person nicht unerleuchtet. Von fernster Vergangenheit bis zu eben diesem Moment strahlt Weisheit klar und leuchtend. Von ihrer Braue werden mit einem Moment die zehn Richtungen der Welt erleuchtet; ihr Körper manifestiert sich in allen einzelnen Erscheinungen.
Die Person, die das Zazen der höchsten Art ausübt, beschäftigt sich nicht mit der Frage, wie Erleuchtete in dieser Welt erscheinen. Sie denkt nicht über die Vollkommenheit nach, die selbst die Buddhas und Patriarchen nicht übertragen können. Ist sie hungrig, isst sie; ist sie müde, schläft sie. Sie haftet nicht an der Sicht, alle Erscheinungen seien das Selbst. Sie steht über Erleuchtung wie über Täuschung. Natürlich und wirksam, übt sie einfach wahres Zazen aus. Selbst, wenn Unterscheidungen entstünden, ließe sich diese Person nicht davon versklaven, da die zehntausend Dinge nicht betrachtet werden, als seien sie voneinander getrennt.
Wäre auch nur ein Verdienst durch die Übung des Zazen zu gewinnen, es wäre größer als die Errichtung von hundert, von tausend, von zahllosen Stätten der Übung. Übt unablässig Shikantaza, einfach Sitzen. In diesem Tun werden wir von Geburt und Tod befreit und verwirklichen unsere verborgene Buddhanatur. Geht, steht, sitzt und liegt in vollkommener, natürlicher Leichtigkeit. Sehen, Hören, Verstehen und Wissen sind alle das Licht der ursprünglichen Natur. Ob Anfang oder Reife - Geist ist Geist, jenseits aller Erörterungen von Wissen und Unwissen. Übt einfach Zazen mit ganzem Herzen. Weicht nicht ab davon und verliert es nicht.